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Warum Technik allein dir im Kampfsport nicht hilft. Auch nicht in der Selbstverteidigung

Aktualisiert: 21. Jan.

Eine Frau bindet ihre Boxbandagen zu
Wenn Kampfsport nur Technik ist, reicht das für Frauen oft nicht / Foto von Roman Aguila auf Unsplash

"Partnerwechsel!", ruft dein Coach. 

 

Es gibt manchmal nichts Schlimmeres, als wenn du bei einer Partnerübung oder im Sparring mit deiner Kampfsport-Bestie (Nicht Bestie = Monster, Bestie = Freundin) den Partner wechseln musst. Die Chancen stehen hoch, dass du mit jemandem zusammenkommst, der sich nicht so gut spürt, nicht auf dich eingehen kann, oder einfach zu stark ist.  

 

Die Realität ist: Viele Gyms haben noch immer wenige Frauen unter vielen Männern. Und manchmal fühlt sich deine Technik perfekt, dein Schlag ultrastark an, wenn du gegen die anderen Mädels antrittst. Sobald dir aber jemand stärkeres gegenübersteht, scheint es, als wäre alles weg, was du gelernt hast. 

 

Dasselbe Phänomen gibt es in der Selbstverteidigung. Du kommst stolz nach Hause, um deinem Partner zu erzählen "Schau, was ich gelernt habe!", nur um zu merken, dass nichts mehr geht, wie im Kurs. 

 

Woran liegt das? 

Und wie kannst du deine Technik trotzdem anpassen, dass sie funktioniert? 

 

 

Warum du dich trotz Training nicht wehren kannst 

 

Viele Frauen stellen sich nach einer bedrohlichen Situation oder nach einer Sparringsession dieselbe Frage:  


 Warum konnte ich mich trotz Training nicht wehren? Obwohl ich Kampfsport trainiere oder bereits einen Selbstverteidigungskurs besucht habe, fühlt sich der Körper plötzlich wie blockiert an. Genau hier beginnt ein Thema, über das im Kampfsport viel zu selten ehrlich gesprochen wird.   


Ein Faktor ist Kraft. Wenn du körperlich unterlegen bist, muss deine Technik sitzen. Ich lege dir also nahe, wo immer möglich auch mit stärkeren Gegnern zu trainieren. Hier merkst du sofort, ob deine Technik funktioniert. Aber, wie gesagt, Technik alleine schützt dich nicht, denn: 


Unter Stress reagiert unser Nervensystem nicht logisch, sondern automatisch. Angst, Schock oder Überforderung können dazu führen, dass Bewegungen nicht mehr genau abrufbar sind. Auch dann nicht, wenn sie im Training oft geübt wurden (auch wenn das hilft, es ist keine Garantie). Dieses sogenannte Freeze-Verhalten ist normal. 


Kampfsport und Selbstverteidigung sind mehr als Bewegungen. Man muss bereit sein, die Taktik zu ändern und möglichst einen kühlen Kopf zu bewahren. Stressregulation ist mentale Stärke. Denn echte Sicherheit entsteht nicht allein durch perfekte Technik, sondern durch das Zusammenspiel von Körper, Kopf und Erfahrung. 

 

 

 

Warum Angst und Schock dich blockieren können 

 

Angst ist eine biologische Reaktion, die schwer zu kontrollieren ist. Das gilt auch für Stressreaktionen im Training mit stärkeren Gegnern. In Stresssituationen schaltet der Körper in den Überlebensmodus, oft schneller, als wir denken können. Dabei kann der Körper einen leichten (oder auch heftigen) Schock erleben, man fängt an zu zittern oder, in extremen Fällen, verfällt man in völlige Starre, selbst man Kampfsport oder Selbstverteidigung regelmässig trainiert. 


Im Kampfsport wird häufig vermittelt, dass Technik unter allen Umständen funktionieren müsse. Die Realität sieht anders aus. Unter starkem Stress verändert sich die Wahrnehmung: der Blick verengt sich, das Denken wird langsamer, der Körper folgt alten Schutzmustern. Genau deshalb fühlen sich viele Frauen nach einem Übergriff hilflos oder machen sich selbst Vorwürfe. Oder, was ich leider auch schon erlebt habe, sie denken, sie lernen das nie und verlassen den Kampfsport.  


Und ja, das ist auch der Grund, wieso du im Ring Anfangs so viel schlechter bist als im Sparring. 

(Gell Tanja – self burn) 


Angst und Stress lassen sich halt nicht einfach „wegtrainieren“, aber sie können in das Training integriert werden.  

 

 

Kampfsport für Frauen: Was dir hilft, deine Blockaden zu lösen 

 

Die meisten Frauen beginnen mit Kampfsport oder Selbstverteidigung, um sich sicherer zu fühlen. Viele Frauen geben an, dass sie durch Kampfsport genau dieses Ziel erreichen und sich selbstsicherer und selbstbewusster fühlen. Das braucht aber seine Zeit und dabei ist es wichtig zu verstehen, dass echte Sicherheit auch ein mentales Thema ist. 


Im Ernstfall, sei dies eine intensive Sparring-Session, ein Kampf oder eine real life Situation, zählt etwas anderes: Mentale Vorbereitung, sich zu spüren, die Situation zu lesen, klare Entscheidungen und die Fähigkeit, Grenzen früh zu setzen. 

 

Ich gebe dir ein paar Beispiele: 

 

Mentale Vorbereitung 

Unterschätze nie die Macht einer guten Visualisierung. Stell dir vor, wie du gewinnst. Wie du gegen stärkere Gegner erfolgreich vorgehst. Sprich dir Sätze auf ein Tonband und höre sie dir an vor dem Einschlafen. Diese und weitere mentale Techniken polen dein Gehirn von "Überforderung" um auf "Action Plan", auf den es zurückgreifen kann. Auch in Stresssituationen. 


Mehr Tipps aus dem Mental Coaching findest du hier.

 

Spüre dich 

Bleib bei dir, anstatt dich zu sehr auf den Gegner zu fokussieren. Das klingt erst mal kontraproduktiv. Aber häufig wird man zu passiv, wenn der Gegner einem überfordert. Wenn deine Technik sitzt, verlass dich darauf und konzentriere dich auf ein einfaches Ziel: Einen gezielten Lowkick platzieren, ausweichen, sauber zu arbeiten und nicht zu hastig. Du wirst merken, wenn du den Fokus wieder auf dich legst, läuft es besser. 

 

Lese die Situation 

In der Selbstverteidigung reden wir von "Situational Awareness". Was passiert um dich herum? Welche Leute sind da? Folgt dir jemand? Was sagt deine Intuition? Vertraue immer darauf und schütze dich, bevor es zu spät ist. Sei dir bewusst, was um dich herum geschieht. Im Kampfsport kann es hilfreich sein, den Gegner zu lesen. Was sind seine Schwächen, wo bist du überlegen? Hast du eine bessere Ausdauer? Dann scheu ihn durch den Ring. Kannst du gut ausweichen? Lass ihn ins Leere laufen. Macht er immer dieselben Angriffe? Reagiere darauf! 

 

Triff klare Entscheidungen 

Bei einer Notsituation, wenn du draufhauen musst, gilt immer: Tue es zu 100% oder lass es bleiben. Ein Schlag oder Tritt muss richtig weh tun, gib alles hinein. Natürlich wirst du das im Sparring eher nicht tun (hoffe ich), aber committe dich. Damit meine ich, ziehe die Technik durch, anstatt mittendrin abzubrechen. Ein einfacher Rat, aber beobachte dich mal, ob das nicht vielleicht etwas ist, was du unbewusst tust. Wenn du deine Technik sauber durchziehst, wird es viel schwieriger, dich anzugreifen. 

 

Setze früh deine Grenzen 

Gewaltprävention heisst das Stichwort in der Selbstverteidigung. Setze deine Grenzen früh genug und gib niemandem die Chance, zu nahe an dich heranzukommen. Ob verbal oder körperlich.  


Im Kampfsport kann das schwieriger sein, gerade bei stärkeren Gegnern. Das Gute ist: Du kannst kommunizieren. Wenn jemand zu hart ist, scheue dich nicht, das zu sagen. Es ist keine Schande, dich vor Verletzungen zu schützen. 


Im Sparring oder im Ring müssen wir aber auch mal lernen, einzustecken. Ich würde zwar argumentieren, das kann man mehr oder weniger safe machen. Aber im Ring hilft es dir hier wohl am meisten, stärkere Gegner auch mal auf Abstand zu halten, um dir Raum zu geben. Ich bin ja ein Fan von Frontkicks, aber es macht wenig Sinn, dir hier Tipps zu geben, da jede Situation wieder anders ist.  

 

 

Fazit: Warum Technik gegen stärkere Gegner oft nicht reicht – und was wir dagegen tun können 

 

Wenn Kampfsport nur Technik ist, reicht das für Frauen oft nicht. Willst du eine gute Kampfsportlerin werden, vernachlässige deine Technik nicht, aber verlasse dich auch nicht alleine darauf. Angst und Stress beeinflussen die Art und Weise, wie du reagierst und können deine Technik auch mal ins Wanken bringen.  

 

Weitere Faktoren wie mentale Vorbereitung, dich zu spüren, die Situation zu lesen, klare Entscheidungen zu treffen und früh deine Grenzen zu setzen helfen dir nicht nur im Kampfsport, sondern auch in der Selbstverteidigung. 


Deine Tanja ❤      

Cert. Female Performance Coach      

Cert. Personal Trainer      

Mental Coach   

 

 

Diesen Blog gibt es in ausführlicher Version als Podcast "Mir Kampfsportlerinne". 

Hier und überall, wo du deine Podcasts normalerweise hörst.  

 
 
 

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