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Als Kampfsportlerin nicht erlaubt: Sich vom Partner verprügeln lassen


Eine LinkedIn Userin, die ihrem Ärger Luft macht
Bild von Tanja Mäder's LinkedIn Comments

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von "Genug Internet für heute".

Heutiges Thema: Victim Blaming - oder, Zitat: "Wie kommt es, dass sich eine Profikämpferin verprügeln lässt?"

 

Ja.

Die Messlatte liegt heute tief.

 

Also hol dir einen Kaffee und, am besten eine Kopfschmerztablette, und setz dich hin.

Relax.

Solange du noch kannst.

 

Es wird ein wilder Ritt.

 

 

Auch Profikämpferinnen werden Opfer von häuslicher Gewalt

 

Was ist passiert?

 

Wie du ja weisst, habe ich die Ehre, einige Profikämpfer und Profikämpferinnen zu kennen. Unter anderem auch deren Profifighter-Freunde und deren Geschichten und Erlebnisse.

 

Vor einigen Monaten bekam ich folgende Nachricht:

"Ach du sch**sse, Sara* wurde von ihrem Ex verprügelt. SCHLIMM verprügelt." gefolgt von "Ich glaube, sie wäre fast gestorben."

 

Ich war geschockt und sauer.

Vor Allem, weil es Sara schon mal passiert ist. Ich wusste nicht, ob es derselbe Mann gewesen ist zu dem Zeitpunkt. Es hat mich aber veranlasst, folgenden LinkedIn Post zu machen:


Nach und nach kamen weitere Details raus.

 

Zum Beispiel, dass es ein anderer Typ gewesen ist als beim ersten Mal. Aber auch, dass Sara tatsächlich fast gestorben wäre. Denn nachdem der Täter ihr einige Rippen gebrochen hatte und ihre Lunge kollabierte, liess er sie liegen.

 

Ihre Tochter fand sie und brachte sie ins Spital, wo sie eine Woche lang war.

 

Sowas kannst du dir nicht ausdenken.

 

Jetzt war ich erst recht durch den Wind.

Und es sollte noch dicker kommen…

 

 

Gewalt gegen Frauen geht gar nicht - ausser bei Kampfsportlerinnen

 

Nenn mich naiv.

Aber ich hätte nicht gedacht, dass sich eine Frau im Jahr 2024 dafür rechtfertigen muss, von einem Typen verprügelt worden zu sein.

 

Ich habe mich getäuscht.

 

Denn, obwohl die meisten Kommentare unter meinem Post verständnisvoll und empathisch waren gab es einige Stimmen, bei denen sich mein Magen verkrampfte. Zum ersten Mal in meinem Leben klappte ich den Laptop zu, weil ich die Comment Section nicht mehr ertragen konnte.

 

Ansonsten wäre mein Laptop quer durch den Raum geflogen.

Und der ist neu.

Wäre schade gewesen.

 

Denn auch wenn wir es als Gesellschaft wohl anklagen, wenn Frauen (oder auch Männer) Opfer von häuslicher Gewalt werden, scheinen Kampfsportlerinnen und besonders Profikämpferinnen auf einen anderen Standart gehoben zu werden. Einen, auf den Frau gerne verzichten kann. Den Victim Blaming Standard.

 

Du lässt dich als Profikämpferin verprügeln? Da hast du wohl nicht aufgepasst.

 

Selber schuld.

 

Aber lies selbst. Jede Farbe ist eine andere Person. Rottöne für Frauen. Blautöne für Männer.











Eine weitere Antwort habe ich nicht mehr erhalten…

 

 

Das Victim Blaming Problem - Frau ist selber schuld

 

Vielleicht verstehst du es ja auch nicht. Nicht alle Menschen haben ein realistisches Bild von echten Kämpfen. Dennoch lassen mich einige dieser Kommentare den Kopf schütteln. Nicht nur wegen deren Inhalt. Gerne erinnere ich dich daran: LinkedIn ist eine BUSINESS Plattform. Hier lesen deine Chefs, Mitarbeitenden, potentiellen Kund*innen mit.

 

Aber zurück zum Inhalt der Kommentare. Ich meine, sag mir, dass du noch nie richtig gekämpft hast ohne mir zu sagen, dass du noch nie richtig gekämpft hast.

 

Spätestens wenn du echte, rauhe Sparringerfahrung hast oder Erfahrungen im Ring weisst du, dass Körperkraft und Masse entscheidend sind. Nicht umsonst gibt es Gewichtsklassen. Nicht umsonst treten Frauen in der Regel nicht gegen Männer an.

 

In Sara's Fall kam, gemäss ihrer Aussage, der Schlag aus dem Nichts. Sie sassen auf dem Sofa, sie sagte etwas, er stand auf und Schlug zu. Mehrfach.

 

Und natürlich kann man jetzt ins Psychologische gehen. Sich fragen, wie jemand so plötzlich zum Täter werden kann und ob es da nicht schon vorher so genannte "Red Flags" gegeben hat.

 

Aber die Frage bringt in diesem Fall nichts.

Denn Gewalt in der Partnerschaft läuft nicht.

 

Punkt.

 

 

 

Wieso denn überhaupt posten?

 

Bleibt die Frage, wieso ich auf einer Businessplattform sowas überhaupt teile.

Ganz einfach.

 

Selbstverteidigung, Kampfsport und Empowerment sind mein Business. Es ist meine Vision, Menschen in ihrem Kern körperlich und mental zu stärken. Besonders wir Frauen brauchen mehr davon!

 

Dann sind wir endlich stark und selbstbewusst, und dann kriegen wir, entschuldigt meine Wortwahl, eins auf die Fresse.

Und wessen Schuld ist es?

 

Plötzlich unsere. Weil wir stärker sind als vorher?

 

Jemand erkläre mir das bitte, macht für mich null Sinn.

 

Um eine Gesellschaft nachhaltig zu prägen und Gruppen zu stärken, die in gewissen Themen noch immer benachteiligt sind, müssen wir solche Verhaltensweisen anklagen.

 

Hier noch ein Beispiel dazu, wie ich das handhabe. Ich habe eine private Nachricht einfach mal öffentlich gemacht:




Wenn wir schweigen, tragen wir leider dazu bei, dass sich solche Dinge einfacher wiederholen können. Wir dürfen uns nicht den Mund verbieten lassen.

 

Aber Schamgefühle, das Gefühl, man hätte nicht genug gemacht, das Gefühl, man sei selbst schuld… Das ist das Schlimmste, was wir Opfern von Gewalt antun können.

 

Siehe dazu auch den Post von Richard Dimitri am Ende dieses Blogs.

 

 

Fazit

 

Zuerst will ich sagen, ich habe den Link zum Originalpost extra nicht hier integriert. Ich will nicht, dass jemand die Menschen die kommentiert haben, aufsucht. Nicht, dass du das tun würdest. Ich weiss, deine Mama hat dir Manieren beigebracht. Aber man weiss nie…

 

Frauen dürfen nicht verprügelt werden. Aber wenn sie Profikämpferinnen sind, dürfen sie nie Opfer sein.

 

Dies ist eine Doppelmoral, die ich kaum begreifen kann.

 

Selbst wenn in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft ein Partner gegen den anderen die Hand erhebt, wäre das Entsetzen gross. Wieso also wird eine Kampfsportlerin anders bewertet?

 

In einer Beziehung, wo Vertrauen und Sicherheit die Basis bilden sollten wäre es doch völlig fehl am Platz, ständig "kampfbereit" sein zu müssen, aber, ich verliere mich schon wieder in Emotionen.

 

Lass mich dir nur das mitgeben:

 

Gewalt darf nicht toleriert werden. Wir müssen solche Dinge anklagen. Wenn die Kommentare unter meinem Post etwas beweisen dann, dass gewisse Menschen noch immer eine verschobene Realität im Kopf haben von häuslicher Gewalt und deren Folgen auf Körper und Psyche.

 

Und keine Ahnung haben, wie sich ein echter Kampf, ausserhalb des Dojos, abspielt.

 

Wie siehst du die Sache?

 

 

 

*Name geändert.


Kliener Bonus, dieser Post von Richard Dimitri sagt alles. Die Frage im Bild war "Welche Kampfsportart ist die beste für die Strasse":






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