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Selbstverteidigung ist nicht nett

Eine Frau mit Klebeband um die Handgelenke, schaut kämpfend in die Kamera
Klarheit ist nicht respektlos - Bildquelle: Foto von Maria Kovalets auf Unsplash  

Kennst du das?


Du wirst angesprochen oder vielleicht sogar angemacht. Du sagst respektvoll, dass du leider keine Zeit oder kein Interesse hast.


Du bist einerseits stolz darauf, dass du schnell und konsequent deine Grenze klar gemacht hast.


Aber andererseits schleicht sich ein anderes Gefühl ein. „War ich gemein?“, „Hätte ich das netter sagen können?“, „War ich verletzend?“ Dein schlechtes Gewissen meldet sich.



Warum habe ich beim Grenzen setzen ein schlechtes Gewissen?


Weil wir gelernt haben, nett zu sein. Und leider verwechseln einige Menschen „nett sein“ mit „Sie hat Interesse“. Wenn du höflich eine Konversation ablehnst, bedeutet das für andere oft: „Sie braucht nur noch etwas mehr Überzeugungsarbeit“. Sei dies, wenn dich jemand näher kennenlernen will oder wenn dir jemand etwas auf der Strasse verkaufen will.


Leider brauchen gewisse Leute eine sehr klare Kommunikation, um deine Grenzen zu verstehen und zu respektieren. Für uns Frauen (und sicher auch viele Männer, aber ich glaube, es ist primär ein Thema bei uns) fühlt es sich unhöflich an, klar zu sagen: „Ich habe kein Interesse.“ Und selbst ich habe diesen Satz zuerst so geschrieben: „Sorry, ich habe kein Interesse.“ – Wieso der Drang, sich dafür zu entschuldigen?


Vielleicht ist es die allzu höfliche Schweizerin in mir. Vielleicht liegt aber das Problem auch an einem anderen Punkt: unserer Erziehung.


Wir denken, wir schulden Fremden Höflichkeit. Wir fühlen uns selbst als Täterinnen, wenn wir zu direkt sind. Es kann sich für uns verletzend anfühlen, zu direkt zu sein.

Aber es ist leider so: Manchmal muss man etwas verletzend sein, um sich zu schützen.

Natürlich will uns nicht jeder belästigen, das ist klar.


Viele Love Stories fangen an mit einem „Entschuldige, ich wollte dich nur fragen …“, aber wenn du kein Interesse daran hast, dich mit jemandem zu unterhalten, dann ist es dein Recht, in Ruhe gelassen zu werden.


Punkt.


Warum ist das wichtig?


Weil insbesondere Täter gerne Grenzen ausloten. Viele Übergriffe fangen damit an, dass der Täter erst das Opfer testet. Wie weit kann er gehen? Wie „nett“ ist sie? Wie reagiert sie auf Druck?


Dein Verhalten macht in der Selbstverteidigung den grössten Teil aus. Denn anhand dessen, wie klar du Grenzen setzt, wirst du als Opfer „auserwählt“ oder nicht.



Sei nett. Sei leise. Sei verständnisvoll und immer höflich.


Heute ist das etwas besser, aber ich sehe es nach wie vor bei vielen Eltern. Mädchen werden dazu erzogen, nett zu sein. Uns wird beigebracht, nicht zu laut und zu wild zu sein und mit anderen zu teilen, höflich zu kommunizieren und immer lieb Küsschen zu geben.


Jungs haben hier etwas mehr Spielraum. Als ich mal einen Post gemacht habe zum Thema „Bitte zwingt eure Kinder nicht dazu, anderen Küsschen zu geben“, schrieb ein Vater einen Kommentar, in dem er sagte, da könne er ja gleich seine Tochter dazu erziehen, eiskalt zu sein.


Dabei liegt die Wahrheit in der Mitte, und Freundlichkeit, Höflichkeit und Nettigkeit sind absolut kompatibel mit Grenzen setzen. Ich würde sogar argumentieren, es ist noch freundlicher, da es der Wahrheit entspricht. Es ist Ehrlichkeit. Es erlaubt es dir und anderen, deine Grenzen zu respektieren und somit mehr Vertrauen und Komfort in Beziehungen zu kreieren.


Klarheit ist nicht respektlos.Sie ist ehrlich.



Halte nicht die andere Wange hin?


Auch problematisch aus Sicht der Selbstverteidigung. „Die andere Wange hinhalten“. Auch wenn ich denke, dieser Satz kann eine Wahrheit beinhalten, gilt dies ganz sicher nicht in der Selbstverteidigung.


Ich sehe in meinen Kursen immer wieder, wie zurückhaltend viele Frauen sind, wenn es darum geht, ein Polster zu schlagen. Wie geht es euch erst, wenn ihr einen Menschen schlagen müsst?


Ich war auch so. Glaub mir, wenn ich dir sage, das kann und sollte gelernt werden. Denn was du im „echten Leben“ nicht tun kannst, wirst du unter Adrenalin wahrscheinlich auch nicht können. Freundlichkeit wird uns eingetrichtert, und du kannst noch so oft den Autoschlüssel zwischen deine Finger klemmen – würdest du wirklich jemandem damit das Auge ausstechen können?


Es gibt einfachere Wege zu lernen, dich zu wehren, ohne jemandem zum Piraten zu machen.


Es beginnt damit, dass du lernst, deine Grenzen zu setzen und aufhörst, nett zu sein zu Menschen, die diese nicht respektieren.



Wie kann ich lernen, besser für meine Grenzen einzustehen?


Fange mit den kleinen Dingen an. Viele von uns wollen allen immer gefallen. Von allen gemocht werden. Als ehemalige notorische „Ja-Sagerin“ kann ich dir bestätigen, dass du dir damit einen Gefallen tust, zu lernen, Nein zu sagen.


Dein schlechtes Gewissen wird sich melden. Keine Frage. Aber je mehr du „übst“, desto natürlicher wird es werden. Nutze deine „Neins“ klug und setze sie da ein, wo du sie angebracht findest. Erst bei kleinen Dingen – fang einfach an.


Deine Tanja ❤      

Cert. Female Performance Coach      

Cert. Personal Trainer      

Mental Coach   

 

 

Diesen Blog gibt es in ausführlicher Version als Podcast "Mir Kampfsportlerinne". 

Hier und überall, wo du deine Podcasts normalerweise hörst.  

 
 
 

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