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Eignet sich Kampfsport zur Selbstverteidigung?


Tanja Mäder und Patrizia Krasniqi beim Bodenkampf Selbstverteidigung
Tanja Mäder und Patrizia Krasniqi beim Bodenkampf Selbstverteidigung / Picture by Jörg Schmitz / Insta: @joerg.schmitz.photography

"Dabei hatte sich der Täter aber die Falsche ausgesucht", liest sich zum Beispiel in einem Medienartikel. Darin wird berichtet, wie sich eine Kampfsportlerin gegen einen Angreifer zur Wehr gesetzt hat. Du hast sicher auch schon mal einen ähnlichen Medienbericht gelesen, man sieht sie immer wieder einmal.

Gleichzeitig warnen Selbstverteidigungsexpert*innen davor, sich als Kampfsportlerin in Sicherheit zu wiegen. Kampfsport alleine reiche häufig nicht aus, sich gegen einen Angriff zur Wehr zu setzen.

Was stimmt jetzt? Lass uns der Frage gemeinsam nachgehen.

Fälle von erfolgreicher Gegenwehr

Ich kann mich an viele ähnliche Schlagzeilen erinnern. Tatsächlich reicht eine 10-minütige Google Suche und ich finde zahlreiche Artikel, in denen sich Menschen erfolgreich gegen Übergriffe zur Wehr gesetzt haben. In zwei Fällen handelt es sich um Kampfsportlerinnen.

In einem Fall wurde eine Karateka von einem Mann um eine Zigarette gebeten. Als sie ihm keine gab, schlug er sie. Die Frau "versetzte dem Mann mehrere Schläge an den Kopf und einen Tritt", bevor sie flüchtete.

In einem anderen Bericht liest sich, wie eine Kickboxerin von einem Fremden zuerst nach dem Weg gefragt, und dann gepackt wurde. Er wollte sie "in ein Gebüsch zerren". Sie schrie, schlug zu und versetzte ihm einen Tritt. "Er lag da wie ein kleines Kind". Die Frau konnte flüchten.

Des weiteren stiess ich noch auf zwei weitere Artikel, in denen die Opfer keine Kampfsportler*innen waren, aber sich zur Wehr setzten. Eine Frau wurde mit dem Messer bedroht und drückte dem Angreifer eine Zigarette ins Gesicht, in einem anderen Fall schlug ein Rentner einen Mann um, der seine Frau aus dem Auto zerren wollte, um es zu stehlen.

Die Tante eines Freundes hat einem Angreifer das Gesicht zerkratzt. Die Narben trage er noch heute.

Die Realität - Unterschiede zwischen dem Ring und der Strasse

Wenn du in den Ring gehst oder eine Sparringsession machst, gibt es klare Regeln. Gefährliche Techniken wie Schläge auf den Hinterkopf oder gegen den Hals oder das Knie etc. sind nicht erlaubt. Wenn du nicht gerade MMA machst, wird dein Kampf am Boden (oder im BJJ, Grappling etc. nicht stehend) weitergehen. Du trägst Bandagen, Handschuhe und evtl. Schoner und kannst den Kampf jederzeit abbrechen.

Nach einigen Minuten ist er auch schon vorbei.

Auf der Strasse gibt es keine Regeln. Keinen Ringrichter und keine Gewichtsklassen. Der Boden ist hart und kratzt dir die Haut auf. Du trägst unter Umständen dicke Kleidung.

In allen oben genannten Beispielen waren die Angreifer männlich und die Opfer weiblich. Häufig suchen sich Täter*innen leichte Opfer aus. Sie wissen, dass sie körperlich überlegen sind.

Die Nachteile von Kampfsport als Selbstverteidigungsmittel

Wenn du jetzt also von jemandem angegriffen wirst, der oder die 15kg schwerer ist als du, Techniken nutzt, die du nicht trainiert hast und niemand da ist, um den Kampf nach einer gewissen Zeit abzubrechen… Dann hilft dir dein Kampfsport je nach Situation nicht viel.

Dein Kampfsport bringt dir gewisse Reaktionen bei. Diese Reaktionen sind die Antwort auf einige, sagen wir beispielsweise 50, mögliche Angriffe. Das ist auch gut und richtig so. Jedoch gibt es auf der Welt vielleicht 200 mögliche Angriffe.

(Denk nur mal an das letzte Mal, als du mit einem Newbie gesparrt hast. Anfänger*innen sind manchmal überraschend schwer abzuwehren, weil sie die Techniken für uns ungewohnt ausführen.)

Ein anderes Beispiel: Jemand greift dich an, indem er dir einen Ellbogen ins Gesicht schlägt. Wenn du aber Boxerin bist, kann dich das aus der Bahn werfen, weil du keine Ellbogen trainierst. Von Kicks ganz zu schweigen. Oder wie würde ein Kickboxer auf einen Takedown reagieren?

Die Nachteile können sein, dass du nicht die Antwort auf alle Techniken kennst, und dich dennoch sicher fühlst. Eine falsche Sicherheit, meiner Meinung nach. Weil du in deiner gewohnten Kampfsport-Umgebung allen die Stirn bieten kannst. Aber könntest du das auch "da draussen"?

Ausserdem weisst du wahrscheinlich nicht, wie du unter Einfluss von Adrenalin und Cortisol agierst. Es ist nämlich nochmal ein Unterschied, ob du Sparring macht oder im Ring bist. Ob du im Ring bist oder auf der Strasse.

Die Vorteile von Kampfsport als Selbstverteidigungsmittel

Es lässt sich auf der anderen Seite nicht abstreiten, dass uns Kampfsport viele nützliche Tools mitgibt. Wir lernen, uns richtig zum Gegner zu bewegen, wir können hart zuschlagen, erstarren nicht gleich, wenn wir einen Schlag kassieren sondern reagieren darauf.

Ausserdem sind wir fit. Eine unglaublich wichtige Regel, wenn du dich verteidigen willst. Du solltest möglichst fitter sein als potentielle Angreifer*innen.

Wo Selbstverteidigung funktioniert und wo sie scheitert

Gute Selbstverteidigung setzt da an, wo Kampfsport nicht immer die Antwort ist. Sie setzt sich mit dem Vermeiden von gefährlichen Situationen auseinander und sucht sie nicht. Sie versucht auf einfache Art direkt und effizient zu handeln. Aber sie scheitert auch in vielen Punkten.

Diesem Thema werde ich mich im nächsten Blog widmen.

Fazit

Kampfsport ist nicht Selbstverteidigung. Es gibt einen Grund dafür, wieso die beiden separat von einander existieren. Dennoch bin ich der Meinung: Wenn du Kampfsport betreibst, hast du in der Regel bei Angriffen eine bessere Chance, als wenn du es nicht tust.

Wichtig ist aber zu erkennen, dass dir Kampfsport nicht immer den Hintern retten kann und dass du im echten Leben keinen Coach hinter dir hast, der die Zeit stoppt und "halt" ruft, bevor z.B. dein Knie flöten geht. Oder dein Angreifer grösser und stärker ist.

Zum Abschluss lass mich dir sagen, mach Kampfsport aus den richtigen Gründen. Weil es dir Spass macht. Wenn du aber unbedingt lernen willst, dich zu verteidigen besuche ein paar Selbstverteidigungskurse. Es zeigt dir viele andere Möglichkeiten auf.

Wie siehst du die Sache?

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